DEUTUNGSRAHMEN*


Werte, neben ihrem Einfluss auf Einstellungen und Verhaltens­ weisen, stehen mit unserer Auffassung der Welt in Verbindung. Eine Art, auf die sich dieser Zusammenhang äußert, sind Deutungsrahmen.

Deutungsrahmen sind sowohl gedankliche Strukturen, die unsere Ideen ordnen, als auch Werkzeuge der Kommunikation, die solche Strukturen erst hervorbringen und die im Laufe der Zeit unsere Wahrnehmung und Interpretation der Welt formen.




Rahmen als Grenzen
Der Rahmen um ein Gemälde oder Foto kann als Grenze gedacht werden zwischen dem, was einbezogen und dem, was weggelassen wurde. Alle Teile innerhalb des Rahmens sind von Bedeutung und beeinflussen die Aussage des Kunstwerks. Auf ähnliche Weise setzen wir Grenzen, bewusst oder unbewusst, wenn wir kommunizieren. Die Gewichtungen, Informationen und Anliegen, die wir einbeziehen, können die übermittelte Aussage und damit auch mögliche Antworten entscheidend verändern. So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass die Unterstützung für eine Reform des Gesundheitswesens in den USA merklich davon abhängt, ob Gesundheitsversorgung als allgemeines Recht oder als markt­ wirtschaftliche Angelegenheit präsentiert wird.


Auch das Wechselspiel zwischen Menschen, ihrer Umwelt und der jeweiligen Situation kann einen Deutungsrahmen darstellen oder hervorbringen. Menschen kommunizieren im Büro anders als in einem Krankenhaus. Solche Deutungsrahmen können charakteristisch für bestimmte Ideen oder ein bestimmtes Umfeld sein. Andere Rahmen sind tiefer verwurzelt, umfassender in ihrem Anspruch und werden, wie Ideologien und die „großen Erzählungen“ der Menschheit, auf eine Vielzahl von Situationen angewandt. Oft beinhalten sie soziale und politische Ideale – die Gleichheit aller Menschen, Achtung vor Autoritäten, persönliche Freiheit – und sind deshalb eng mit Werten verbunden.


Metaphern
Zusätzlich zu dem, was wir ausdrücklich sagen, können wir den Dingen auch durch das unausgesprochen Übermittelte einen Rahmen verleihen. Metaphern sind ein überzeugendes und wirksames Mittel, um komplexe Dinge schnell auf den Punkt zu bringen. Das spielt in politischen Diskussionen oft eine wichtige Rolle. Wer Staatsschulden mit privaten Haushaltsschulden vergleicht, kann das Bild einer „großen Familie“ heraufbeschwören und – unter Umgehung von Themen wie staatliche Investitionen und Wirtschaftswachstum– relativ problemlos zur Lösung kommen, die Ausgaben drastisch zu kürzen („Wir müssen sparen!“).


Rahmen als Assoziationen
Deutungsrahmen spiegeln Assoziationen zwischen Begriffen – und oft auch Werten – wider. Einigen davon wird in der englischen Studie Finding Frames (http://findingframes.org/report.htm) nachgegangen, und zwar in Bezug auf den Begriff der Entwicklung, der zunehmend mit einer bestimmten Vorstellung von Veränderung assoziiert wird, nämlich einer, die „Fortschritt“ nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt. Es ist dort die Rede vom sogenannten Erbe von Live Aid, womit der seit 30 Jahren andauernde Stillstand in der öffentlichen Wahrnehmung von Entwicklung gemeint ist. Massenhafte Armut werde, so heißt es, von vielen als unvermeidlich und unabänderlich angesehen, arme Menschen und Länder seien aus Gründen arm, die bei ihnen selbst zu suchen seien, und das Verhältnis zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden würde unhinterfragt als Beziehung zwischen mächtigen Gebern und dankbaren Empfängern angesehen. Aufgrund dieser Assoziationen neige der Begriff „Wohltätigkeit“ dazu, die ungleichen Machtverhältnisse zu zementieren und zu legitimieren.


Nach Meinung der Autoren von Finding Frames birgt dieser aktuelle Deutungsrahmen trotz aller guten Absichten die Gefahr, extrinsische Werte wie Macht, sozialen Status und Sicherheit zu stärken, anstatt Selbstbestimmung und den Blick aufs Ganze zu fördern. Die darunterliegenden Überzeugungen und Werte scheinen, teils unbewusst, den vorherrschenden Rahmen für das Verständnis und die Reaktionen der britischen Öffentlichkeit auf Initiativen zur globalen Entwicklung zu bilden. Dies prägt zwangsläufig die Bereitschaft des Einzelnen zu geben und die öffentliche Haltung zur staatlichen Entwicklungspolitik. Als Alternative schlagen die Autoren vor, sich – neben anderen, auch möglichen Deutungsrahmen – mehr auf den Begriff der Gerechtigkeit zu konzentrieren, der stärkere Verbindung zu intrinsischen Werten hat.


Rahmen als Verstärker
Durch wiederholte Anwendung setzen sich Deutungsrahmen mit der Zeit in unserem Denken und unserer Redeweise fest. Die im Gehirn präsentesten Deutungsrahmen werden zu kommunikativen „Kurzwahltasten“. Das kann die Kommunikation auf hilfreiche Art vereinfachen oder aber unser Denken unglücklich verzerren. Deutungsrahmen wie der vom „aufgeblähten Verwaltungsapparat“ oder vom „Geld des Steuerzahlers“ erzeugen negative Reaktionen, wenn es um öffentliche Ausgaben geht. Alternativ könne man von „öffentlichen Mitteln“ sprechen. Deutungsrahmen helfen uns also, die Rollen von Akteuren und Institutionen zu definieren. Durch ihre Verwendung verstehen wir, wie die Dinge funktionieren – oder auch, wie sie funktionieren sollten.


Rahmen als gedankliche Strukturen
Unsere Assoziationen zwischen bestimmten Wörtern, Ideen, Gefühlen und Werten spiegeln Verbindungen wider, die unsere Gedanken im Laufe der Zeit hergestellt haben. Deutungsrahmen sind also auch – stark miteinander verknüpfte – Bündel von Begriffen und Ideen, die wir durch Erfahrung und Reflexion Schritt für Schritt sammeln und im Gedächtnis speichern. Solche Strukturen bilden dann den „Bezugsrahmen“ zur Interpretation neuer Informationen und Erlebnisse.


Den NHS (National Health Service, staatliches Gesundheitssystem Großbritanniens) lernen wir vielleicht zuerst durch persönliches Erleben beim Arzt oder im Krankenhaus kennen. Mit der Zeit werden wir den NHS mit einer ganzen Palette solcher Erfahrungen, Gefühle und Werte assoziieren. Deutungsrahmen können sich aber auch überlappen. Der ursprüngliche „Arzt“-Rahmen kann in einem größeren Rahmen aufgehen, der sich auf den NHS, den Sozialstaat oder Fachkundige allgemein bezieht.


Deutungsrahmen sind also Werkzeuge, die Werte aktivieren und stärken können. Es ist von größter Bedeutung, wie wir sie in unsere Sprache aufnehmen und in allem berücksichtigen, was wir schaffen und mitgestalten.

  • UNTERSTÜTZUNG FÜR GESUNDHEITSREFORM
    GESUNDHEITSVERSORGUNG ALS ALLGEMEINES RECHT
  • UNTERSTÜTZUNG FÜR GESUNDHEITSREFORM
    GESUNDHEITSVERSORGUNG ALS MARKTWIRTSCHAFTLICHE ANGELEGENHEIT

Eine genauere Abhandlung über Deutungsrahmen mit Bezug auf soziale Gerechtigkeit und globale Armut findet sich in der schon erwähnten Studie Finding Frames. Dort werden die vorherrschenden Werte und Deutungsrahmen der Armutsdebatte sowohl theoretisch als auch praktisch beleuchtet. Hintergrund ist das zunehmende Desinteresse an Fragen der globalen Armut und der daraus entspringende Mangel an ernsthaften Aktionen zur Armutsbekämpfung.


 

* Quellenangaben und Fußnoten finden sich aus technischen Gründen nur in der PDF-Version des Handbuchs.